
Training schafft Erfahrung – doch nicht jede Erfahrung lässt sich trainieren.
Kampfkunst zwischen Training und Wirklichkeit
Im Taekwondo gibt es drei große Bereiche, die auf unterschiedliche Weise gelernt und erfahren werden: Formen, Wettkampf und Selbstverteidigung. Jeder dieser Bereiche kann eine große technische und persönliche Tiefe entwickeln. Ein wesentlicher Unterschied liegt jedoch darin, unter welchen Bedingungen trainiert wird und wie weit sich überprüfen lässt, ob das Gelernte auch dann verfügbar bleibt, wenn es darauf ankommt.
Bei den Formen lassen sich viele Aspekte unabhängig von einem Trainingspartner trainieren. Abläufe kann man wiederholen, einzelne Sequenzen genauer betrachten und bestimmte Bewegungen immer wieder ausführen. Man kann eine Form in unterschiedliche Richtungen laufen oder sie auch mit geschlossenen Augen ausführen. Deshalb unterscheidet sich das Formentraining von anderen Bereichen, in denen die Bedingungen von weiteren Faktoren abhängen.
Beim Wettkampf ist es anders. Ein Partner muss die Pratze halten können und ein entsprechendes Niveau besitzen, um realistische Situationen entstehen zu lassen. Im Sparring braucht man Partner, die in der Lage sind, Intensität und Fähigkeiten so einzusetzen, dass ernsthaft trainiert werden kann, ohne den anderen unnötig zu verletzen. Auf einem Turnier kämpft man dagegen gegen einen Gegner, der sich nicht zurückhält. Das ist etwas ganz anderes als im Training. Gerade dort zeigt sich, was wirklich funktioniert. Wochen und Monate fließen in die Vorbereitung, während ein einzelner Kampf in kürzester Zeit vorbei sein kann. Durch den Wettkampf versteht man erst, wozu viele der Übungen eigentlich gut sind.
Bei der Selbstverteidigung erreicht dieses Problem eine weitere Dimension. Das Training findet in einer kontrollierten Umgebung statt. Man braucht Partner für Befreiungstechniken, Hebel sowie für die Abwehr gegen Messer und Stock. Erfahrene Trainingspartner sind dabei sehr wichtig, weil sie einschätzen können, wie weit sie bei einer Technik gehen können, ohne ernsthafte Verletzungen zu verursachen. Doch genau hier liegt das Problem. Eine Trainingssituation bleibt eine Trainingssituation. Im Training versucht man nicht wirklich, einen anderen Menschen zu verletzen oder zu töten. Man ist nie der tatsächlichen Gefahr ausgesetzt, sich gegen einen ernst gemeinten Messerangriff behaupten zu müssen.
Sobald es um die eigene Sicherheit oder die eines anderen Menschen geht, lassen sich Situationen nur noch begrenzt realistisch nachbilden. Ob die Kunst in diesem Moment tatsächlich beherrscht wird, lässt sich wahrscheinlich erst beantworten, wenn aus dem Training Wirklichkeit wird. Es bleibt zu hoffen, dass diese Frage niemals beantwortet werden muss.
Kim Thanh Vo
Medienreferent der TUH